Internet-Meme als gegenwärtigste Popkultur

In Berlin wird heute das Remix-Museum eröffnet, in dessen virtuellen Hallen auch Internet-Meme einen Platz haben (kuratiert von Phänomeme-Blogger Dirk von Gehlen). Aus diesem Anlass haben wir hier Beiträgen aus den vergangenen zwei Jahren, in denen wir hier zum Thema bloggen, einen neuen Text geremixt, der auf verlinkte Art erklärt, warum wir Phänomeme für den spannendesten Teil digitaler Popkultur halten.

Phänomeme gehören ins Museum! (…) Die Rede ist von Trends und Nachrichten, die sich wie Viren im Internet verbreiten sollen; verbreitet nicht mehr nur von Sendern und Zeitungen, sondern von den vielen Millionen Menschen, die ihre Tage körperlich im Büro und virtuell auf Facebook verbringen. (…) Internet-Meme sind pop(ulär), die Netzkultur ist die neue Popkultur. Sie hat eine eigene Sprache (ROFL, <3), eine eigene Ästhetik (z.B. Seapunk), und ihre eigenen Stars (Grumpy Cat, Technoviking). (…) Richard Dawkins beschrieb damit eine Erscheinung, die sich quasi aus sich heraus verbreiten will (…) Denn wie ein Virus, der den Menschen befällt, suchen sich auch die Meme (wie man sie im Netz nennt), ihren Weg von ganz alleine. (…) Sie überwinden die Sprachgrenzen der Worte und immer mehr Menschen verständigen sich so (…) Sie sind kein neuartiges Kuriosum mehr, sondern unverzichtbarer Teil der Popkultur, der alltäglichen Kommunikation, sie werden umfassend vermarktet und politisch instrumentalisiert. (…) Grund für diese virale Verbreitung ist die Tatsache, dass jeder mitmachen kann - und mancher das auch tatsächlich tut: Ein Motiv wie das Oscar-Selfie ist auf den ersten Blick verständlich, löst  eine “One-Click”-Emotion aus und erfüllt auch sonst alle Eigenschaften, die ein Bild/Trend/Thema bräuchte um diesen Impuls auszulösen: in die Kaffeeküche laufen und es den Kollegen dort zeigen. Genauso verbreiten sich Phänomeme - nur ohne das komplizierte Aufstehen, Loslaufen und mit den Kollegen reden. (…) Was dann beginnt, ist die Funktionsweise einer neuen kulturellen Ordnung, die auf Menschen, die mit dem Prinzip der Netz-Meme nicht so vertraut sind, ähnlich verstörend wirken muss, wie der Beginn der Popmusik in der Nachkriegszeit.  (…)

Man kann dabei beobachten, wie das Internet gerade im Moment unsere Kultur verändert. (…) Wir erleben die nächste Stufe des sogenannten sozialen Webs. Wer die Menschen erreichen wolle, die mit Facebook und Twitter und vor allem Tumblr sozialisiert wurden, muss deren Kultur verstehen - und Geschichten auf ihre Art erzählen. (…) In der klassischen Bewertung gilt das Phänomem “Harlem Shake” als tolerierter Urheberrechtsverstoß, da die kopierenden Zappeltänzer natürlich keinerlei Rechte an der genutzten Musik haben. Aber darum geht es den Profiteuren schon lange nicht mehr. Sie halten sich nicht damit auf,  Rechte einzuklagen, sondern monetarisieren die tatsächliche Nutzung.(…)  Es ist dringend an der Zeit Lösungen für die neuen Möglichkeiten der digitalen Verbreitung zu finden. (…)

Am 4. Mai wird in Berlin das Remix-Museum der Initiative Recht auf Remix eröffnet (wir berichteten hier darüber). Aus diesem Anlass hat der Augsburger Gestalter Moritz Jacobs gemeinsam mit Anne-Céline Soenke einen kleinen Film mit Lieblingsmemen gedreht - der auf die Aktion und die Website hinweist.

Da wir selber dabei vertreten sind, nutzen wir den Film gerne um auf das Museum, den begleitenden Band und die Veranstaltung am 4. Mai 2014 ab 18 Uhr in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin hinzuweisen!

Was ist dein Phänomem des Jahres 2013?

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Das Jahr war voll von Netztrends. Webkultur ist 2013 zum treibenden Bestandteil der Popkultur geworden. Grund genug die Frage zu stellen: Welches Phänomem des Jahres 2013 soll es ins neue Jahr schaffen? Woran willst du dich auch 2014 noch gerne erinnern? Hier kommt eine kleine Auswahl nationaler und internationaler Webtrends

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A Drosselkom
B Jonny König als Edmund Stoiber
C Dimitri erfährt … dass die FDP nicht mehr im Bundestag ist.
D Ude holding things
E Das rote Gleichheitszeichen-Quadrat
F Goats Edition
G Epic Split
H Harlem Shake
I Grumpy Cat
J Steinbrücks Finger
K Twerking (Hintergrund hier)
L Selfies

Stimme bis zum 7. Januar über deinen Favoriten ab. Unter allen Teilnehmern verlosen wir ein Exemplar des Internet-Meme Buchs aus dem O’Reilly Verlag. Außerdem stellen wir das Mem des Jahre 2013 hier nochmal ausführlich vor - und erklären, warum es verdient hat, im Jahr 2014 in Erinnerung zu bleiben!

Selfie ist das Wort des Jahres. Eine Fluglinie hat das Wort in einem Werbespot umgesetzt. Wir zeigen diesen Clip, der sehr auf die Mechanismen des Phänomeme-Web abgestimmt wurde, weil die Kollegin Katja Schnitzler bei Süddeutsche.de gerade die besten Sicherheits-Videos zeigt. Unbedingt sehenswert.

Vor fünf Monaten hatte Paul Tellefsen den obigen Trailers in Netz gestellt, mit dem er seine Dokumenation über den Dienst instagram bewerben wollte. Der Film ist jetzt fertig und wie schon der Trailer wirkt er wie ein schön fotografierter Werbespot für den Fotodienst. Man sieht gut aussehende junge Menschen, die bei bestem Wetter durch die Abendsonne hopsen und sich bei Kooperations-Selfies ins rechte Licht setzen.

Man sieht aber eben auch: wie vernetzte Fotografie Verbindungen zwischen Menschen schafft, die sich sonst nicht kennen würden. Man sieht, wie Fotos zu Ausnahmeerscheinungen werden, die sich verbreiten und Spaß machen. (via)

Eine Cover-Version von Billy Joels We didn’t start the fire entwickelt sich gerade zu einer Art Phänomeme-Hymne. Der Filmemacher und YouTuber Dane Boe hat dafür eine Sammlung der bekanntesten Internet-Meme in Szene gesetzt und mit dem Song aus dem Jahr 1989 kombiniert.

Phänomeme jetzt auch auf Facebook

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Der Majordeal: Yahoos Tumblr-Kauf und die Prinzipien der Popkultur

Um zu verstehen, was da gerade zwischen den beiden US-Unternehmen Tumblr und Yahoo passiert, müssen wir uns für eine kleinen Moment vorstellen, David Karp hätte 2007 keine Software geschrieben, sondern Songs. Der Chef von Tumblr wäre dann Frontman einer Band geworden, nicht CEO eines der begehrtesten Netzwerke im Web. Mit dem, was sich  Karps Kapelle in ihrem Proberaum - der in Wahrheit eine Programmiergarage war - ausgedacht hat, erreicht sie die von der Werbeindustrie so begehrten jungen netzaffinen Menschen. Tumblr gilt als das nächste große Ding auf den Bühnen der Welt - gerade weil in der Welt der Eltern niemand so richtig versteht, was den Reiz von Karps Werk eigentlich ausmacht. Es gilt als verrucht, etwas rebellisch und fordert das (Urheberrechts-)Empfinden der Eltern heraus, die wiederum beklagen, dass es das doch alles irgenwie schon mal gab.

Aber Karp&Co sind cool.

So cool, dass ihr Reiz auch dem etwas angestaubten Plattenlabel Yahoo nicht verborgen blieb. Früher, das ist lange her, war Yahoo auch mal cool. Heute ist es der Ort für Paare, die kein Problem damit haben, sich eine E-Mail-Adresse zu teilen. Hier wird Netzkultur genutzt, aber nicht geprägt. Hier weiß man, dass man nicht verstehen wird, was genau cool ist an Tumblr. Also kommt man auf die Idee, das, was man nicht versteht, doch einfach zu kaufen. Man bietet Karps Combo einen Majordeal an: 1,1 Milliarden Dollar für sein Werk, für den Zugang zu den Fans aber vor allem um Anschluss zu halten an das, was da als das nächste große Ding gehandelt wird.

Der Majordeal hat in der Geschichte der Popkultur einen festen Platz. Er wurde jedoch bisher einzig als Angebot eines großen Musikkonzerns an eine aufstrebende (Indie-)Band verstanden. Mit Aufkommen der Netzkultur, die auch Programmierer zu Popstars macht, wird der Majordeals digitalisiert. Yahoo kauft Flickr, Yahoo kauft delicious, Facebook schlägt Angebote aus, kauft dann wenig später selber Instagram und jetzt also das Majordeal zwischen Yahoo und Tumblr.

Der Inhalt hat sich verändert, das Prinzip bleibt gleich: eine coole Band unterzeichnet einen Vertrag mit einem uncoolen etablierten Konzern. Plötzlich sind da Geld und Moral, wo es vorher (scheinbar) nur um Coolness und Distinktion ging. Wobei der kausale Zusammenhang so geht: Je höher die Summe an Geld umso höher die Empörung - und das Erstaunen, dass etwas soviel wert sein soll.

Die Fans reagieren empört, starten eine Petition und verweisen auf das Schicksal anderer Bands, die unter dem Dach Yahoo keine anständigen Songs mehr produzierten: Der Bilderdienst Flickr und der Bookmark-Anbieter delicious verloren nach ihrem Majordeal mit Yahoo Credibilität und vor allem Funktionalität und anschließend Bedeutung - zumindest bei den Coolen. Dass Menschen, die gemeinsame Mailadressen benutzen, jetzt Fotos bei Flickr hochladen, ist selten Teil dieser popkulturellen Erzählung. Diese erschöpft sich meist im ältesten aller Erzählmuster der Coolness, das da lautet: Früher war alles besser!

Diese Prognose lässt sich auch jetzt schon auf die Entwicklung von Tumblr treffen. Denn diese Entwicklung ist eigentlich unwichtig. Wichtig ist, dass es Nutzer gibt, die Karps Werke schon gehört genutzt haben, als diese nichts mit Yahoo zu tun hatten. Und allein deshalb waren sie besser. Das Prinzip kennt man in allen Bereichen der Popkultur - und jetzt halt auch im Netz. Neu ist, dass niemand bei einer Combo wie der irischen Band U2 in Frage stellt, warum diese 700 Millionen Euro mit ihrer letzten Welttournee umsetzt. Bei David Karps Band ist das jedoch stets die erste Frage, die gestellt wird: Ist Tumblr das denn wert?

Diese Frage wirkt umso schwerer als dass die Fragesteller nicht wirklich verstehen, was bei Tumblr eigentlich passiert. Anders als  bei Facebook kann man bei Tumblr nämlich durchaus von außen reinschauen. Was man unregistriert sieht, wirkt wie das ganz gewöhnliche Internet (übrigens die Standard-Ausrede der Tumblr-Verantwortlichen auf die Frage, warum es soviel Porno auf der Seite gebe). Einzig eine Einblendung meist oben rechts in der Ecke zeigt dem Netznutzer an, dass er sich jetzt in der Tumblr-Welt bewegt.

Wer diese Tumblr-Welt betritt, wird zunächst erstaunt sein. Denn das Dashboard von Tumblr (vergleichbar der Timeline von Twitter oder Facebook) gleicht eher der Rückseite eines Content-Management-System als der Zukunft des Internet. Aber in dieser Dashboard-Übersicht bewegen sich die meisten der Tumblr-Nutzer. Sie durchsurfen oder rebloggen die Inhalte anderer Nutzer. Besonders beliebt sind dabei animierte Gifs. Ein antiquiertes Dateiformat, das im Kampf um die Netzwerke der Zukunft zu Hochform aufläuft. Genau mit einem solchen animierten Gif wurde die offizielle Meldung des Kaufs auf dem Tumblr yahoo.tumblr.com bekannt gegeben (wo wir es rebloggen).

Es soll signalisieren: Marissa Mayers Yahoo hat die Welt von Tumblr verstanden (allerdings vergessen, ein Profilbild hochzuladen). Die von Google gewechselte Top-Managerin verspricht, nichts an der Welt von Tumblr zu ändern. Das ist schön, aber wie gesagt, egal. Denn: Früher war aus Prinzip alles besser.

Meme auf der re:publica: Der Vortrag zu Silly Jokes steht jetzt online.

Reden über Meme: Mem-Kunde auf der republica

Meme spielen auf der morgen beginnenden re:publica eine große Rolle. Am Montag referieren Stefan Panhuijsen und Jillian York über den poltischen Wert der Silly Jokes, am Mittwoch reden Christian Heller und Nils Dagsson Moskopp über Geschichte, Forschungsstand und Kontroversen der Internet-Meme. Wir haben Christian Heller vorab ein paar Fragen zum Thema gemailt.

 

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Schon auf der re:publica 2009 hast du über Meme gesprochen. Vier Jahre später gibt es erneut eine Session zu dem Thema. Was hat sich seit dem geändert?
Es gibt mehr Arbeiten zum Thema und mehr öffentliches Interesse. Meme sind selbst in Deutschland auf dem Weg zum passablen Feuilleton-Gegenstand. Die wissenschaftliche Forschung widmet sich ihnen verstärkt. Mein eigener re:publica-Vortrag 2009 war spekulatives Rumstochern in einem Bereich, der mir damals noch recht avantgardistisch  vorkam. Heute scheint mir vieles von dem, was ich damals neu und erstaunlich fand, bereits reif für die Museumsvitrine. Meme werden inzwischen massiv katalogisiert, erklärt und kanonisiert, und zwar auf Webseiten wie KnowYourMeme für ein breites Publikum ohne subkulturelles Vorwissen. Sie sind kein neuartiges Kuriosum mehr, sondern unverzichtbarer Teil der Popkultur, der alltäglichen Kommunikation, sie werden umfassend vermarktet und politisch instrumentalisiert. Über die Ästhetik und Geschichte der Meme und ihrer Massenwirkung lassen sich bald ähnlich umfangreiche Bücher schreiben wie über die des Kinos oder die der Malerei.

Mit Nils Dagsson Moskopp habe ich einen kleinen vorsichtigen Versuch in diese Richtung unternommen: eine Art Primer in Buchform zur Funktionsweise und Geschichte der Meme, der aller Voraussicht nach im Juni unterm Titel “Internet-Meme” in der “kurz & geek”-Reihe des O’Reilly-Verlags erscheinen wird. Ein paar der Schwerpunkte unseres Buchs wollen wir auf der re:publica in Vortragsform gießen – einen Überblick zur Geschichte der Mem-Formen und Mem-Ökosysteme, zum aktuellen Forschungsstand und weiterführender Literatur für Interessierte und zu ein zwei uns interessant erscheinenden Kontroversen rund um die kulturelle und politische Bedeutung und Funktionsweise von Memen. Mein 2009er Vortrag war eher theoretisch und spekulativ; der diesjährige Vortrag ist eher als Beschreibung und Systematisierung von vorhandenem Wissen gedacht, das
für sich aber oft breit im Netz verstreut auseinander liegt.

 

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Vor vier Jahren ging es vor allem darum, den Begriff bekannt zu machen. Heute verspricht euer Vortrag im Untertitel: “Geschichte, Forschungsstand, Kontroversen” der Internet-Meme. Welche Kontroversen wollt ihr ansprechen?
Der Kontroversen-Punkt wird wahrscheinlich etwas kurz kommen, weil wir den Vortrag ursprünglich auf eine Stunde ausgelegt einreichten, wir als Slot aber jetzt nur noch 30 Minuten bekamen. Trotzdem möchte ich zumindest die Frage der Erzwingbarkeit von Memen streifen: Entstehen sie nur organisch aus der Spontaneität der Massen, oder gibt es Tricks, mit denen sich das Entstehen von Meme erzwingen lässt? Kommerz-Marketing und politische Propaganda gieren natürlich nach Verfahren, ihre Botschaften viral zu machen. Gleichzeitig pflegen viele Mem-Ökosysteme wie etwa Imageboards aber Abwehr-Mechanismen gegen sogenannte “forced memes” – also Inhalte, denen unterstellt wird, sie verbreiteten sich eher durch den gesteigerten Krafteinsatz einzelner Protagonisten (Autoren, Vermarkter) statt durch die organische Auswahl der Masse. Da gibt es ganz interessante Versuche, Grenzen zwischen “legitimen” und “illegitimen” Memen zu ziehen. Mein Ko-Referent hat sich auch ein paar Minuten für eine ihn interessierende “Kontroverse” reserviert, aber ich habe noch nicht ganz raus, worüber er da genau sprechen möchte – wir stecken grad noch in der Vortragsvorbereitung und haben noch nicht alles finalisiert.

Und was ist mit dem Forschungsstand? Sind Meme tatsächlich schon Gegenstand wissenschaftlicher Forschung?
Seit einigen Jahrzehnten gibt es Versuche, den Begriff des “Mems” wissenschaftlich zu verarbeiten – allerdings in einer ursprünglich etwas anderen Bedeutung als der, mit der er heute in der Internet-Popkultur gebraucht wird. “Memetik” war im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts ein Ansatz, Kultur ganz allgemein mit Ideen der Evolutionstheorie zu erfassen und zu erklären. Dieser Ansatz ist allerdings ein bisschen verebbt, und es gibt viele Kritiker, die ihm jedes Potential auf Wissenschaftlichkeit abgesprochen haben. In den letzten paar Jahren, spürbar seit 2010, häufen sich dagegen wissenschaftliche Arbeiten, die sich an der Analyse von “Memen” im Sinne viraler Internet-Inhalte oder von Internet-Folklore versuchen. Oft sind es Master/Magister-Arbeiten oder Dissertationen junger Akademiker, die offenbar in das Thema selber reingewachsen sind. Von einer umfassenden akademischen Aufarbeitung der Mem-Landschaft des Internets kann noch keine Rede sind, aber punktuell werden an einzelnen Memen oder einzelnen Mem-Ökosystemen (beliebt: Imageboards, Twitter, YouTube) bereits verschiedene Ansätze der statistischen, soziologischen und folkloristischen Forschung erprobt.

Davon abgesehen liegt der größte Wissensvorrat über Meme aber immer noch im außer-akademischen Bereich – auf Webseiten wie der Encyclopedia Dramatica, KnowYourMeme und Wikis zu einzelnen Mem-Ökosystemen wie
Newgrounds oder YTMND. Mem-Kunde geht hier oft einher mit auf den ersten Blick profaner Archiv-Arbeit: Ganz viele für die Mem-Forschung nützliche Ressourcen sind von sich aus oft flüchtig und müssen erst einmal gesichert werden, durch Screenshots, durch Mirrors, durch das Web Archive (ohne das wir große Teile unseres Buches gar nicht hätten schreiben können), durch den Kampf dafür, dass Dienste wie Twitter ihre Datenbanken noch mehr der Forschung öffnen.

Warum muss man sich überhaupt wissenschaftlich mit Memen befassen? Das sind doch nur Katzenbilder oder belanglose Webvideos…
Anhand von Memen können wir erkunden, wie Verbreitung und Entwicklung von Texten, Ideen und Verhaltensweisen im Netz funktioniert, wie die Psychologie der Netznutzer-Massen beschaffen ist, wie sich das Vokabular des digitalen Zeitalters entwickelt, wie sich Gruppen über ihre Meme untereinander und gegeneinander definieren. Das einzelne Katzenbild ist für sich banal, aber die technischen und sozialen Zusammenhänge seiner Verbreitung sind sehr ergiebig. Wer Kultur unter Bedingungen des Internets verstehen will, kommt an einer Beschäftigung mit seinen Memen nicht vorbei.
 
Jonah Peretti nennt seine Seite Buzzfeed ein “Bored at Work Network”, mit der er vor allem gelangweilte Büromenschen erreichen will. Ist das  tatsächlich der Hauptantrieb für Meme?
Ich will über die psychologischen Details hinter dem Erfolg einzelner Meme nicht groß spekulieren, aber ich halte es aus historischen Gründen für glaubhaft, dass der Büromensch einer der wesentlichen Protagonisten der Mem-Kultur sei. Viele Meme und Mem-Formen haben Vorgänger unter den Texten und Bildern, die in den Büros des 20. Jahrhunderts inoffiziell zur Erheiterung, zum Frustrationsabbau, zur informellen Konversation über alltägliche Probleme geschaffen und rumgereicht wurden. Was seit den 90er Jahren an lustigen Bildern per E-Mail zirkulierte, zirkulierte vorher über Fax oder Bürokopierer und noch früher über manuelles Abzeichnen oder Abtippen per Schreibmaschine und befüllte des Arbeitsplatzes Anschlagbretter, Schreibtische und Großraumbürozellwände. Ähnlich mündlich weitergereichten Witzen oder Liedern florierte hier schon lange vor dem Internet eine schriftlich-grafisch-maschinelle Folklore, befördert durch leicht zugängliche Verfahren technischer Reproduktion und Manipulation. Wäre der Büromensch heute eine der treibenden Kräfte hinter Internet-Memen, wäre das zumindest kein neues Phänomen, sondern eine bloße Fortsetzung seines bisherigen Treibens. In der Masse der Bevölkerung war er schon immer besonders stark und routiniert eingebunden in moderne Kreisläufe der Erzeugung, Bearbeitung und Verteilung schriftlicher und grafischer Inhalte.

Zum Abschluss: Welches ist dein aktuelles liebstes Mem?
Zalgo. Ich will nichts dazu verraten, aus Rücksicht auf die geistige Gesundheit der Leser.

 

Für die Süddeutsche Zeitung begleiten die Kollegen Bastian Brinkmann und Pascal Paukner die Konferenz unter sz.de/republica. Mehr von Christian Heller zum Thema Meme gibt es im (noch immer hörenswerten) CRE-Podcast aus dem Jahr 2009.