Das Massen-Meme-Muster: Harlem Shake

"Nichts ist so mächtig", sagte Victor Hugo, "wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Aber Victor Hugo (im 19. Jahrhundert gestorben) kannte auch keine Phänomeme. Das sind sozusagen digitalisierte Ideen, deren Zeit gekommen ist.

Und offenbar ist gerade die Zeit des Harlem Shakes gekommen - das erkennt man an dem klassischen Massen-Meme-Muster, bei dem sich das Web quasi aus sich heraus die Eilmeldungs-Situation schafft, die man zum Beispiel bei einem Papst-Rücktritt erlebt. Durch die gemeinsame Begeisterung für ein Phänomem wird sich die Masse ihrer selbst bewusst - und spielt mit der Popularität des phänomenalen Moments. Mit einfachen Mittel kann so jeder teilhaben an der weltweiten Gruppendynamik, bei der Grenzen und Sprachen kaum mehr eine Rolle spielen. Viel bedeutsamer sind stattdessen die Bezugsysteme, die in der Phänomeme-Welt bedient werden. Wer diese versteht, kann mitmachen, sich einschreiben in die weltweite Gemeinschaft derer, die die Dynamik des Phänomems verstehen.

Das Besondere dabei: je größer diese wird, um so verschworener wird sie. Man muss sich jeden, der in diesem Zusammenfassungs-Clip mittanzenden Menschen wie jemanden vorstellen, der auf einem Konzert sein Feuerzeug in die Luft streckt. Je mehr kleine Flammen brennen, umso größer wird das Meer. Und mit jedem Feuerzeug, das man neben sich erkennt, sieht man jemanden, mit dem man verbunden ist. Diese Verbindung ist wie das gemeinsame Verstehen eines Witzes, flüchtig und doch eher erfreulich. Man entdeckt eine schöne Gemeinsamkeit, lacht und geht seiner Wege.

Das Besondere an diesem digitalen Feuerzeug-Meer: man kann es nur ganz selten von oben sehen. Um so erfreulicher ist die Too long didn’t read (tl;dr)-Version, die der YouTube-Nutzer Ryan Sims gerade ins Netz gestellt hat. Sie bündelt die zahlreichen Versionen aus aller Welt, die auch in dieser Liste gesammelt werden - und vermutlich noch anwachsen werden. Weil das Dabeisein eben so wunderbar einfach ist.